Gedichte.
Brief an mein jüngeres Ich
Ich schreibe dir jetzt,
du kleines, kluges Wesen,
das schon wusste, bevor die Welt es verstand.
Du warst nicht zu empfindlich.
Du warst hellhörig.
Und das war deine Stärke,
auch wenn sie dich müde gemacht hat.
Ich sehe dich heute.
Ich sehe, wie du gelernt hast zu schweigen,
wie du die Nacht fürchtetest,
nicht die Dunkelheit,
sondern das Alleinsein darin.
Heute gehört mir diese Nacht.
Sie ist Raum.
Sie ist Atem.
Sie ist Zuhause.
Und manchmal höre ich dein Lachen darin,
leise, aber lebendig.
Du wolltest dich erheben,
leichter werden,
raus aus dem, was dich erdrückte.
Ich verstehe das.
Aber kein Ort hätte dich gerettet.
Du hast dich gerettet,
indem du geblieben bist
und zu dir zurückgefunden hast.
Du bist angekommen,
nicht draußen,
sondern in dir.
Du bist dir selbst Heimat geworden.
Und jetzt, wo ich angekommen bin,
erzähle ich meine Geschichte
in Worten und in Farben.
Flieg ruhig,
aber nimm dich mit.
Ich bin stolz auf dich,
weil du geblieben bist,
auch wenn es oft verlockend war,
leiser zu werden.
Du warst nie zu wenig.
Du warst immer genug,
nur in einer Welt, die dich nicht sah.
Ich gebe dir zurück,
dein Licht,
deine Würde,
dein Recht, so zu sein, wie du bist.
Du hast dich oft gefragt,
bin ich gemeint.
Ja.
Du warst gemeint.
Aber heute bist du gemeint von mir,
und ich höre dir zu.
Du warst nie komisch.
Du warst außergewöhnlich.
Dein Fühlen, dein Denken, dein Träumen
waren keine Störung,
sie waren Kunst,
lange bevor du das wissen konntest.
Ich umarme dich jetzt,
mit allem, was ich geworden bin.
Ich lasse dich nie mehr allein
in einer Welt, die dich nicht sieht.
Du musst dich nicht mehr zusammenreißen.
Sei laut, traurig, wütend, wild, wunderbar.
Hol dir deine Farben zurück.
Ich weiß, warum du so still warst.
Nicht, weil du nichts zu sagen hattest,
sondern weil niemand bereit war, dich zu hören.
Ich höre dich jetzt.
Ganz bei dir.
Du warst kein schwieriges Kind.
Du warst fein gebaut
in einer lauten Welt.
Es war nie deine Schuld,
dass du nicht mithalten konntest.
Man hätte dich fördern müssen,
nicht bremsen.
Ich sehe dich unter dem Küchentisch.
Dein Schutzraum,
dein Traumraum,
dein Überlebensraum.
Das war Klugheit, nicht Schwäche.
Du warst müde,
weil du zu früh tragen musstest.
Jetzt darfst du loslassen,
nicht weil du aufgibst,
sondern weil der Kampf vorbei ist.
Du hattest so viel in dir,
leise Gedanken, große Fragen.
Man verstand dich nicht
und bewertete dich falsch.
Du warst eine Künstlerin deines Inneren,
lange bevor man dir das zugestand.
Es tat weh, nicht dazuzugehören.
Du dachtest, du wärst falsch.
Du warst es nie.
Du bist nur deinen eigenen Weg gegangen.
Du hast dich oft selbst aufgehalten,
weil deine Kraft erschöpft war.
Niemand sagte, ich gehe mit dir.
Also sage ich es jetzt.
Ich gehe mit dir.
Du hast in deinen Träumen überlebt.
Du hast uns bewahrt.
Und ich male weiter
an den Bildern, die du begonnen hast.
Du bist keine Versagerin gewesen.
Du warst ein Kind,
das zu früh stark sein musste.
Heute lege ich das ab.
Für dich.
Für mich.
Für uns.
Und wenn jemand fragt, wer du warst,
sage ich nicht nur:
mutig, wach, verletzlich.
Ich sage:
du warst beides,
Licht und Schatten,
Bruch und Schönheit,
Kind und alte Seele,
du warst ich
und ich bin du,
noch immer.
© Angelika Charlotte, 2026
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